Fanny and Isaak Aufrichtig
| Isaak Aufrichtig and his
wife Fanny [Frumet] Vogelhut
were victims of the Holocaust. Fanny had left Stuttgart in 1938 to travel
to Brzesko in Poland to visit a sister she had not seen for 30 years. She
and her Stuttgart friend and neighbour, Lotti Laser, were refused entry
back into Germany for the return trip, and they were forced to remain in
the ghetto that had been formed in Brzesko. Reports suggest that she and
Lotti survived until 1942, but lost their lives when the ghetto was
liquidated that year.
Their children Helena [Hella] Aufrichtig and Kurt Aufrichtig had, thanks to their travels, survived the Holocaust - she in Palestine and he in Bolivia. Isaak, who was alone in Stuttgart awaiting the return of his wife, was deported to Riga where he died cir 1941. He and Anna were memorialised more than 60 years later with commemorative plaques set into the pavement outside their former home. Helena's daughter, Anna, who with her brother Josef were responsible for the memorials to their grandparents, used the pseudonym Anne Fisher when paying tribute to them in the publication Stuttgarter Stolpersteine, devoted to the backgrounds of the honoured Stuttgart residents who became victims of the Holocaust.. Reproduced below is the original German text by Anna |
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Fanny und Isaak Aufrichtig:
Eine unerschütterliche Liebe zur schwäbischen Heimat

Unvorstellbar ist das Leid, welches auf die Welt 1933 bis 1945 herniederbrach und unvorstellbar schwer ist es zu erklaren, wie schwer es fällt, darüber zu berichten. Darüber zu berichten, wie meine Familie, die Liebe und Glück zusammengeschweißt hatte, auseinander gerissen wurde und letztendlich dem Verschwinden und dem Untergang in einer untergegangenen Welt geweiht war.
Umso höher muss die Stolperstein-Initiative geschatzt werden, mit ihrem Ziel, die Opfer aus der Vergessenheit zu erlosen. sie vor der Unwissenheit der meisten Menschen zu schützen, und an die zu erinnern, die nicht mehr hier sind, die unvorbereitet und viel zu fruh aus dem Leben gerissen wurden - durch die Gewalt Krimineller, die zwölf Jahre lang die Geschicke Europas bestimmten im Namen des deutschen Volkes. Und jetzt finden sich Menschen, die ihre Pflicht darin sehen, Sprecher dieser Opfer zu sein, und zwar auf eine Art und Weise, die die Erinnerung an sie lebendig hält, ja sie wieder zurück in unser Leben bringt, wenn man es so sagen darf. Auch in unseren Tagen gehört viel Mut dazu, dies zu tun, denn so wohlwollend steht die breite Masse diesem großen Werk nicht gegenüber, das von Liebe und Großzügigkeit getragen wird.
Ich habe meine Großeltern Fanny und Isaak Aufrichtig nie persönlich erlebt. Meine Eltern wanderten bereits vor meiner Geburt nach Palästina aus, wo ich zur Welt kam. Um das Wesen meiner Großeltern auf dem damaligen jüdischen Hintergrund zu verdeutlichen, wiederhole ich hier Erzahlungen meiner Mutter, wie ich sie als Kind gehort habe. So habe ich auch das »alte Stuttgart« schon kennen lernen dürfen.
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Isaak & Fanny Aufrichtig |
Meine Großeltern wohnten seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Stuttgart. Sie kamen aus dem Osten, wie so viele6 jüdische Menschen, die sich dort weder geistig-kulturell noch individuell entfalten konnten. In den kleinen Städtchen, in denen sie lebten - ihren Geburtsorten - hatten sie kaum eine Existenzmöglichkeit. Aber was dort reichlich vorhanden war, trugen sie eifrig in ihren Herzen nach Deutschland: einen tiefen und unerschütterlichen Glauben an Gott und seine Gerechtigkeit, an seine unendliche Liebe für alle seine Geschöpfe. Dieser Glaube charakterisierte besonders meine Großmutter, die für ihre Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft berühmt war. Jedem, der sich an sie wandte, oder jedem, von dessen Not sie gehört hatte, hat sie geholfen. Wurde zum Beispiel eine Frau von ihrem Mann geschlagen, hat sie die Frau bei sich aufgenommen. Sie wurde im Kinderzimmer untergebracht, während die eigenen Kinder dort ausziehen mussten. Immer wurde sie zu Geburten gerufen, die damals zu Hause vorgenommen wurden. Nach damaliger Sitte sollte jede Person ihre »Tachrichim« (hebr: Sterbekleider) zu Hause haben. Armen Leuten, die dieses Kleidungsstück nicht besaßen, schenkte sie es. |
Fanny Aufrichtig kam um die Jahrhundertwende im Alter von 16 Jahren nach Stuttgart. Sie verließ ihre Heimatstadt Brzesko in Polen als Einzige ihrer großen Familie. Dort, in der Nähe von Krakau, war es ihr, die Deutsch perfekt in Wort und Schrift beherrschte, die immer nach Selbstständigkeit strebte, zu eng geworden. Nur ihre Mutter wusste, dass sie weggehen wollte. Dem Vater hat man das nicht verraten ...
In Stuttgart angekommen teilte sie ein Zimmer mit einer Freundin, Fräulein Gittler. Fanny arbeitete als Wascheverkauferin bei Landauer, dem damals besten Geschaft in Stuttgart. Bereits nach kurzer Zeit bot man ihr die Stelle als erste Verkäuferin an. Das lehnte sie entschieden ab, da sie in dieser Po-sition auch am Sabbat hätte arbeiten müssen, dem besten Verkaufstag. Sie wählte den anderen, unbequemen Weg und baute einen Handel mit Bettwasche auf. Meine Großmutter Fanny hat schwer dafür gearbeitet. Unter der Woche war sie, zusammen mit ihrem Ehemann Isaak, meinem Großvater, unterwegs auf Reisen. Dieser war um dieselbe Zeit wie Fanny aus Zawaduwka in Galizien nach Stuttgart gekommen. Die beiden fuhren in entlegene Gegenden, in Städte und Dörfer auf der Schwäbischen Alb ebenso wie in den südlichen Schwarzwald - bis zur Schweizer Grenze. So konnten sie sich gegenseitig unterstützen, waren erfolgreich und überall beliebt und gern gesehen. Dabei hielt Fanny sich streng an die religiösen Gesetze und aß nicht »auswärts«. Sie nahm sich auf Reisen immer ihr eigenes koscheres Essen mit.
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Meine Großmutter trug die mitgebrachte Religion tief in sich. Regelmäßig ging sie dann mit anderen frommen Menschen, die eine ahnliche religiöse Herkunft und Einstellung hatten, an Samstagen und Feiertagen zum Gebet. Sie füllte ihre Religiosität mit Großer Treue und Lebendigkeit aus. Alle Riten wurden genauestens eingehalten, nichts wurde vergessen und nichts wurde entschuldigt. Zum Wochenende, freitags, kamen Fanny und Isaak immer nach Hause in die Obere Bach Straße 4 (heute: Josef-Hirn-Platz 8) zurück. Sie bereitete dann den heiligen Sabbat, an dem ja jede Arbeitstätigkeit verboten ist, vor - mit Saubermachen, Kochen und Backen vor Sonnenuntergang. | ![]() |
Auch mein Großvater Isaak erfüllte treu die Pflichten und Riten seiner Religion. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, sich mit der christlichen Religion auseinander zu setzen. Er beschäftigte sich mit Religionsphilosophie und mit der Lehre Jesu, die ja ihre Wurzeln im Jüdischen hat. Er war mit seinen Erkenntnissen, die damals unter den Juden nicht verbreitet waren, seiner Zeit weit voraus. Erst im heutigen Israel und anderswo beschäftigen sich Juden ernsthaft mit der Lehre Jesu.
Mein Großvater war auch ein guter Geschichtenerzähler. Als er mal bei der Familie seiner Cousine Eva Schlüsselberg zu Besuch war, saßen alle in der Küche und mein Großvater erzählte eine Geschichte. Dabei vergaßen sie ganz und gar, dass sie einen Topf mit Milch auf dem Küchenherd erhitzten. Die Erzä1hlung zog sie so in ihren Bann, dass sie - obwohl sie in der Küche saßen - es nicht mal merkten, als die Milch überlief. Erst als der Topf leer war und fast zu brennen begann, nahmen sie ihn schnell vom Herd.
Ihre Frömmigkeit hinderte meine Großeltern nicht daran, eine unerschüt- terliche Liebe zur neuen schwäbischen Heimat zu entwickeln. Als mittler- weile glühende schwäbische und deutsche Patriotin dekorierte Fanny die Wohnung mit einer Porträt-Galerie sämtlicher Hohenzollern nebst Prinzen und Prinzessinen.
| 1933 dann der Schock: Die SA demonstrierte kurz nach Hitlers Machtüber nahme vor ihrem Haus in der Oberen Bach Straße: »Kauft nicht beim Juden.« Die Tochter der beiden, meine 1910 in Stuttgart geborene Mutter, zog die Konsequenz: Im Oktober 1934 wanderte sie zusammen mit ihrem Mann, den sie kurz zuvor geheiratet hatte, nach Palästina aus. Etwa zur selben Zeit verließ ihr Bruder Kurt, der zwei Jahre jünger war, Deutschland. Er wanderte über Spanien nach Bolivien aus. Meine Großeltern, die jetzt
allei ne waren, bemühten sich um ein Einreisevisum für die USA. Sie bekamen ein Affidavit (Immigrationseinladung) von Verwandten und wurden
einge tragen in die Warteliste. Da ihre Geburtsorte, als Ergebnis des Ersten
Weltkriegs, nun im Staatsgebiet von Polen lagen, betraf sie die Quotierung für polnische Einwanderer und es galt für sie
- im Vergleich zu Einwanderern, die in Deutschland geboren waren - die wesentlich längere Wartezeit von sieben Jahren. Denn die Quote richtete sich nicht nach der Staatsangehörigkeit, sondern ausschließlich nach dem Geburtsort. |
Kurt Aufrichtig |
1933 dann der Schock: Die SA demonstrierte kurz nach Hitlers Machtübernahme vor ihrem Haus in der Oberen Bach Straße: »Kauft nicht beim Juden.« Die Tochter der beiden, meine 1910 in Stuttgart geborene Mutter, zog die Konsequenz: Im Oktober 1934 wanderte sie zusammen mit ihrem Mann, den sie kurz zuvor geheiratet hatte, nach Palästina aus. Etwa zur selben Zeit verließ ihr Bruder Kurt, der zwei Jahre jünger war, Deutschland. Er wanderte über Spanien nach Bolivien aus. Meine Großeltern, die jetzt
alleine waren, bemühten sich um ein Einreisevisum für die USA. Sie bekamen ein Affidavit (Immigrationseinladung) von Verwandten und wurden
eingetragen in die Warteliste. Da ihre Geburtsorte, als Ergebnis des Ersten
Weltkriegs, nun im Staatsgebiet von Polen lagen, betraf sie die Quotierung für polnische Einwanderer und es galt für sie
- im Vergleich zu Einwanderern, die in Deutschland geboren waren - die wesentlich längere Wartezeit von sieben Jahren. Denn die Quote richtete sich nicht nach der Staatsangehörigkeit, sondern ausschließlich nach dem Geburtsort.
1938 fuhr Fanny nach Brzesko in Polen, um sich von ihrer Schwester, die sie 30 Jahre nicht gesehen hatte, zu verabschieden. Als sie nach Deutschland zurückkehren wollte, wurde ihr die Einreise verweigert. So blieb sie in Brzesko. Naheres, Zuverlassiges ist uns nicht bekannt, da wir von verschiedenen Uberlebenden unterschiedliche Geschichten hörten. Das ändert nichts an der Tatsache, dass Fanny nur bis 1942 am Leben war. Bis dahin kam ab und zu Post durch das Rote Kreuz zu meinen Eltern nach Palästina. Ich erinnere mich genau an das Schreiben meiner Großmutter, in welchem sie berichtete, sie habe in Brzesko einen deutschen Soldaten von der Oberen Bach Straße in Stuttgart getroffen, der ihr etwas zu essen gab. Meine Großmutter liebte Stuttgart sehr. In einigen Brief en wiederholte sie die Worte: »Zu Fuß zurück nach Deutschland.« Es war ihr nicht mehr vergönnt. Sie musste bis zum Schluss an dem Ort ausharren, von dem sie als junges Mädchen wegging. Bei der Liquidierung des Gettos von Brzesko wurde sie selbst zum Opfer. Mit ihr zusammen war ihre gute Stuttgarter Nachbarin und Freundin Lotti Laser.
Mein Großvater Isaak, der die ganze Zeit alleine in Stuttgart blieb, wurde aus seiner Wohnung hinausgeworfen. Er lebte unter verschiedenen Adressen in Stuttgart zusammen mit anderen Schicksalsgenossen. Er müsste Zwangsarbeit im Straßenbau leisten. Er schrieb uns verzweifelte Briefe, die wir noch besitzen. Er versuchte aus Stuttgart herauszukommen. Es gelang ihm aber nicht. Kein Land wollte ihn aufnehmen. Die Einwanderungsgesetze (z.B. in Palästina) waren streng und rücksichtslos. Es gab keine Einreise und kein Erbarmen. So wurde er 1941 nach Riga deportiert, wo er sein Leben gewaltsam verlor.
Das Andenken meiner Großeltern möge für immer lebendig bleiben.
Anne Fisher